← Alle Artikel

Saisonale Spritpreis-Muster: Warum Sommer in Deutschland teurer ist als Winter

Sommerbenzin, Reisewelle und Raffineriewartung: Warum Kraftstoff zwischen Mai und August in Deutschland regelmäßig teurer ist als in den Wintermonaten.

Tankstelle an einer deutschen Autobahn an einem Sommernachmittag mit sichtbarer Preistafel

Wer regelmäßig zur gleichen Tankstelle fährt, kennt das Muster: Im Frühsommer ziehen die Preise an, im Hochsommer bleiben sie hoch, und erst im Herbst entspannt sich die Lage. Dieser saisonale Rhythmus ist in den Auswertungen von Tankerkönig und ADAC seit Jahren erkennbar. Er hat technische, regulatorische und psychologische Ursachen — und er lässt sich beim Tanken durchaus berücksichtigen.

Was die Daten zeigen

Die Markttransparenzstelle für Kraftstoffe der Bundesnetzagentur erfasst seit 2013 nahezu jede Preisänderung an deutschen Tankstellen. Auswertungen des ADAC auf dieser Datenbasis zeigen ein wiederkehrendes Muster: Die Monatsdurchschnitte für Super E10 und Diesel liegen in den Sommermonaten Mai bis August in vielen Jahren spürbar über den Werten von November bis Februar. Die Spanne zwischen einem günstigen Wintermonat und einem teuren Sommermonat bewegt sich typischerweise im Bereich von 5 bis 15 Cent pro Liter, je nach Rohölnotierung und Wechselkurs.

Wichtig ist die Einordnung: Saisonale Effekte überlagern sich mit dem viel stärkeren Einfluss des Rohölpreises und geopolitischer Ereignisse. 2022 etwa hat der Krieg in der Ukraine das normale Saisonmuster komplett verzerrt. In ruhigeren Jahren wie 2017 bis 2019 oder 2024 tritt die Saisonalität dagegen deutlich zutage.

Auch innerhalb der Woche und des Tages gibt es bekannte Muster — Dienstag- und Mittwochabend gelten als günstiger als Sonntagvormittag. Diese Tagesmuster sind aber ein anderes Thema als der saisonale Trend, der hier im Mittelpunkt steht.

Saisonmuster
Typische Abweichung vom Jahresdurchschnitt: Super E10
Stilisiertes Muster auf Basis ruhiger Jahre (2017–2019, 2024); Cent pro Liter gegenüber Jahresmittel
+80-8JanFebMärAprMaiJunJulAugSepOktNovDezCent/Liter gegenüber Jahresmittel
Eigene Darstellung auf Basis der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe (Bundesnetzagentur) und ADAC-Monatsauswertungen. Schematisch, nicht jahresscharf.

Sommerbenzin: die unterschätzte Ursache

Der wichtigste technische Grund für teureren Sommerkraftstoff ist die sogenannte Sommerspezifikation. Nach der 10. BImSchV muss Ottokraftstoff in Deutschland zwischen dem 1. Mai und dem 30. September einen niedrigeren Dampfdruck aufweisen als im Winter. Hintergrund sind Verdunstungsemissionen: Bei höheren Temperaturen würde leichtflüchtiges Benzin sonst schädliche Kohlenwasserstoffe freisetzen.

Sommerbenzin ist in der Herstellung aufwendiger, weil leichte Komponenten wie Butan reduziert werden müssen. Die Raffinerien stellen die Produktion bereits im März und April um, weshalb Großhandelspreise oft schon vor dem eigentlichen Sommer anziehen. Beim Diesel ist der Effekt schwächer ausgeprägt, hier dominieren Heizöl-Konkurrenz im Winter und Reisenachfrage im Sommer.

Hinzu kommt, dass viele europäische Raffinerien im Frühjahr ihre planmäßige Wartung durchführen. Fällt Kapazität aus, während gleichzeitig auf Sommerqualität umgestellt wird, verknappt sich das Angebot kurzfristig. Das Umweltbundesamt verweist seit Jahren auf diesen Zusammenhang zwischen Produktspezifikation, Wartungszyklus und Preisniveau.

Was am Ende wirklich zählt
Die größten Spareffekte ergeben sich aus mehreren kleinen, sich summierenden Änderungen — nicht aus einem einzigen Trick.
Mehr Spar-Tipps →

Nachfrage: Urlaub, Pendelwege, Reisewelle

Die zweite große Kraft ist die Nachfrage. Zwischen Pfingsten und den Sommerferien steigen die gefahrenen Kilometer in Deutschland deutlich an. Das Kraftfahrt-Bundesamt und das Bundesamt für Güterverkehr erfassen erhöhte Verkehrsleistungen vor allem auf den Hauptreiseachsen Richtung Süden, etwa der A7, A8 und A9.

Ferienstaffelung in den Bundesländern verlängert die Hochpreisphase: Während Bayern und Baden-Württemberg erst Ende Juli starten, sind Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen schon Ende Juni unterwegs. So entstehen rund zehn Wochen mit überdurchschnittlicher Nachfrage. Tankstellen an Autobahnen und in Grenzregionen nutzen diese Zahlungsbereitschaft erfahrungsgemäß stärker aus als Stadttankstellen mit Stammkundschaft.

Steuern und CO2-Komponente

An der reinen Saisonalität ändern Steuern wenig, weil Energiesteuer und Mehrwertsteuer ganzjährig gleich hoch sind. Allerdings hat der nationale CO2-Preis seit 2021 das Grundniveau angehoben und steigt jedes Jahr zum 1. Januar weiter. 2024 lag der Aufschlag bei 45 Euro pro Tonne CO2, 2025 sind es 55 Euro. Für Benzin entspricht das laut ADAC etwa 15 bis 16 Cent pro Liter brutto.

Der jährliche Sprung zum Jahreswechsel sorgt dafür, dass selbst günstige Wintermonate von Jahr zu Jahr teurer werden können. Wer Saisonvergleiche anstellt, sollte deshalb nicht den Januar 2023 mit dem Juli 2025 vergleichen, sondern Sommer und Winter desselben Jahres.

Was das fürs Tanken bedeutet

Praktisch lassen sich aus dem Muster drei Schlussfolgerungen ziehen. Erstens: Wer flexibel ist, tankt im Spätherbst und Winter eher größere Mengen, etwa vor längeren Fahrten. Zweitens: Im Sommer lohnt der Blick in eine Spritpreis-App umso mehr, weil die Spreizung zwischen Tankstellen größer wird. Drittens: Vor Ferienbeginn im eigenen Bundesland liegen die Preise oft niedriger als in der ersten Ferienwoche.

Unrealistisch sind dagegen Versprechen, durch Timing zweistellige Prozentbeträge einzusparen. Über ein Jahr gerechnet bewegt sich das realistische Sparpotenzial durch saisonbewusstes Tanken im einstelligen Prozentbereich des Kraftstoffbudgets. Mehr bringen Fahrweise, Reifendruck und die Wahl des Fahrzeugs.

Das Wesentliche

Saisonale Spritpreis-Muster sind real, aber moderat. Sommerspezifikation, Raffineriewartung und Reiseverkehr treiben die Preise zwischen Mai und August typischerweise 5 bis 15 Cent pro Liter über das Winterniveau. Wer das weiß, plant größere Tankvorgänge eher in ruhigen Wintermonaten und nutzt im Sommer konsequent Spritpreis-Apps. Den größten Hebel auf die Spritrechnung haben aber weiterhin Fahrweise, Fahrzeugwahl und Reifendruck.

Spritpreise vergleichen
Schauen Sie nach, wie Ihr Bundesland im Vergleich liegt
Zur Bundesländer-Übersicht →
Weiterlesen
Weiter geht's.

Mehr datengestützte Analysen, was deutsche Spritpreise wirklich bewegt.